Über das Lesen im 21.Jahrhundert
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- Veröffentlicht am Montag, 26. September 2011 16:21
Über das Lesen im 21. Jahrhundert
Ein Beitrag von Folke Tegetthoff
Die Menschheit steht inmitten eines Paradigmenwechsels: Was mit der Entwicklung des Fernsehens seinen Beginn genommen hatte, hat nun mit der rasanten Verbreitung elektronischer Kommunikationsmittel (Mobiltelefonie, Internet und E-Mail) seinen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht: LESEN, das Dechiffrieren von Zeichen, wird eine neue, andere Bedeutung erhalten.
Waren Gedrucktes (Buch und Zeitung) oder - nur noch sehr eingeschränkt - Handgeschriebenes oder Texte in unterschiedlichster Form im öffentlichen Raum noch vor nur rund 15 Jahren die einzigen Medien, die es für die breite Öffentlichkeit zu lesen gab, so sind in einer, in der Menschheitsgeschichte noch nie gekannten Geschwindigkeit, zwei völlig neue „Lese- Medien“ aufgetaucht: SMS und E-Mail bzw. Computertexte.
Ist das (erfolgreiche) Lesen eines Buches oder einer Zeitung mit Konzentration, Ruhe, Muße auf das Engste verbunden, erfordern diese neuen Lese-Medien gänzlich andere Kriterien: Schnelligkeit, Aufnahmebereitschaft, rascher Informationsaustausch.
Für die Kinder der „digital world“ ist dabei das Versinken in einem Computerspiel, in einem aufregenden, stundenlang währenden chat zwischen zwei einander völlig Unbekannten durchaus gleichzusetzen mit dem Versinken der Kinder der „analog world“ in einem guten Buch (oder auch in einem Lehrbuch).
Das Lesen eines Buches oder eines Artikels ist das Eintauchen in eine fremde Welt, an der man mit Hilfe seiner Fantasie teilzuhaben imstande ist.
Das Lesen einer SMS oder eines Mails ist das Eintauchen in die reale Welt eines anderen – in real time.
Die zunehmende Anzahl von Jugendlichen, oft Kindern, die eine eigens inszenierte brutale Szene mittels Handy aufnehmen, verfallen einer durchaus vergleichbaren Faszination, wie sie durch das Lesen von Schockern, Krimis, mit Hilfe der Fantasie erweckt worden war, nur das diese Situation nun real, angreifbar, hautnah erlebbar ist.
LESEN im fortschreitenden 21. Jahrhundert steht vor der Herausforderung, es (auch) getrennt vom BUCH, vom gedruckten Wort, sehen zu müssen. Denn nur dann, mit dieser Erkenntnis, wird man die Bedürfnisse und Probleme derer verstehen, um die es letztlich geht: unsere Kinder und Jugendliche. Und nur dann wird es gelingen, ein klar definiertes Ziel zu erreichen: Lust, Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Büchern, von Lesen - in dem Sinn wie wir, die Erwachsenenwelt es kennt, liebt, und für richtig erachtet - zu wecken.
Wir wollen dies, um dieser Generation zurückzugeben, was wir Ihnen genommen haben: mit LESEN jene Grundwerte des Lebens zurückzuerobern, die in der Welt, die diese unsere Erwachsenengeneration erschaffen hat, nur noch sehr schwer umzusetzen sind: sich Zeit nehmen, zur Ruhe kommen, innehalten. Denn das sind sie – die Grundbedingungen für ein Lesen, das tief in unser Inneres eindringt und damit das höchste Ziel, das Verstehen, erreicht.
Erkenntnis 1
Die von Eltern und Lehrern viel gehörte Aussage „Was kann ich nur tun, um Kinder und Jugendlichen zum Lesen zu bringen – die lesen einfach nicht mehr!“ ist falsch.
Richtig ist vielmehr, dass diese Generation weitaus mehr liest (und auch weitaus mehr schreibt) als die Kindergeneration davor (also vor 20 Jahren): ja, sie lesen „anders“, sie sind meisterlich im Lesen, Verfassen und Erfassen von SMS, E-Mails und beim Surfen im Internet. Sie schaffen es in unglaublich schneller Zeit Texte dieser Medien, Zeichen in der Außenwelt aufzunehmen und zu verarbeiten - aber viele schaffen es nicht, konzentriert ein Buch zu lesen.
Wir haben diesen Wandeln wertfrei zu betrachten, wir haben ihn zu akzeptieren und wir haben geradezu die Verpflichtung, dieses „Können“ anzuerkennen, zu loben, anstatt es zu tadeln und kopfschüttelnd abzulehnen – weil es nicht unserer Welt, unseren Paradigmen entspricht, weil LESEN für uns immer noch mit der Haptik eines Buches verknüpft ist.
Erkenntnis 2
Bisher definiertes Ziel der meisten Leseinitiativen war es, bei Kindern und Jugendlichen erstens den Lesewillen, zweitens die Lesefähigkeit und drittens die Lesefreude (wieder) zu erwecken.
Diese Ziele werden in allererster Linie mit unseren eingeübten Schemata assoziiert: mit Büchern, mit dem gedruckten Wort. Verständlich, denn all die, die sich darüber Gedanken machen, kommen von einem klar definierten Background: LESEN = BUCH = ... es folgen alle Assoziation, die wir mit diesen beiden Begriffen verbinden.
Wir, die wir unseren Kindern und Jugendlichen das derzeitige Szenario vor die Augen gesetzt haben, Fernsehen, Computer, Mobiltelefonie, tun uns unendlich schwer, sich von diesen Bildern zu lösen, die für unsere Kinder und Jugendliche keine Gültigkeit mehr haben sollen. Wir tun uns vor allem so schwer, weil dieser Paradigmenwechsel in nicht einmal einer einzigen Generation stattgefunden hat. Selbst die heute 20-jährigen sind davon in geringerem Maße betroffen.
Erkenntnis 3
Alle Bemühungen, die in Erkenntnis 1 postulierten Ziele mit Hilfe konventioneller Mittel erreichen zu wollen, sind zum Scheitern verurteilt, weil inzwischen die Mehrzahl von Kindern und Jugendlichen grundsätzlich einen völlig anderen Zugang zum Thema Buch besitzen – und dies müssen wir als ein wertfreies Urteil akzeptieren - so schwer es uns auch fällt. Was für uns die Haptik eines Buches ist, ist für den heute 10-jährigen die Haptik seines ipods/iphones/ipads.
Erwachsene oder auch lesebegeisterte Kinder wissen, was „LESEN IST ABENTEUER IM KOPF“ bedeutet, aber erklären Sie das einem 13-jährigen, der in seinem Mailaccount ein junk-mail mit einem direkten link zu einer homepage bekommt, auf der er ein pornographisches Abenteuer nicht mit Hilfe seiner in dieser Beziehung noch völlig unterentwickelten Fantasie erleben kann, sondern mit gestochen scharfen Bildern.
Wie kann die Erwachsenenwelt von ihren Kindern ein Verhalten einfordern, das WIR ihnen genommen haben: Zeit, Ruhe, Geduld, Fantasie, sich Dinge erarbeiten müssen, langsames Vordringen zu einer Sache. Alles Attribute, die es zum Lesen braucht und Attribute, die das Lesen beschreiben. Wir haben unseren Kindern all das genommen und vorenthalten: Wir haben keine Zeit für sie, wir haben keine Geduld mit ihnen, Fantasie wird systematisch ab frühester Kindheit abgewürgt, materieller Wohlstand erfüllt alles und das sofort und alle Ziele müssen möglichst schnell und möglichst unkompliziert erreicht werden.
WIR haben unseren Kindern das Lesen vermiest und wir sind so unverfroren, ihnen das nun vorzuwerfen bzw. aus schlechtem Gewissen heraus die Sache zurechtbügeln zu wollen – natürlich mit unseren Vorstellungen von LESEN und BUCH.
Es ist Zeit davon wegzukommen, der ehrlichen Aussage „Ich lese keine Bücher, ich habe kein Lust dazu“ eine negative Bedeutung zuzumessen bzw. einer Wertung zu unterziehen.
Vielmehr sollte man sich mit der Frage beschäftigen, was wir, die Erwachsenenwelt, getan haben, dass dies so gekommen ist.
Eine der Ursachen hat sicherlich mit der völligen Übervisualisierung unserer Gesellschaft zu tun: Das Auge und das Sehen hat, im Gegensatz zum Ohr und zum Hören, ein derart großes Übergewicht gewonnen, dass diese (visuelle) Reizüberflutung vor allem bei Kindern und Jugendlichen dazu führt, dass naturgemäß bei der ruhigsten und beschaulichsten Formen des Schauens, dem Lesen, zu wenig Reize ausgelöst werden und folglich dieser Akt als „langweilig“, „zu wenig spannend“ empfunden wird. Schon im Kleinkindalter wird (vor allem durch das Fernsehen, immer mehr durch den Computer) das Gehirn darauf konditioniert möglichst viele, unterschiedlichste Reize zu verarbeiten. Eine Langzeitstudie[1] der University of Washington und der University of Seattle hat bestätigt, dass die Auswirkung frühkindlichen Konsums von Fernsehen (im Alter von 2 Jahren bereits bis zu 90 min täglich, im Alter von 5 Jahren bis zu 120 min), das sich im Schulalter durch Verhaltensauffälligkeit, Konzentrationsschwäche, Dyslexie zeigt, auf konkrete Veränderungen von Synapsenverbindungen zurückzuführen sind.
Aber auch immer mehr Erwachsene (vor allem gestresste Manager) sind in ihrem Urlaub mit dem Problem konfrontiert, nicht mehr dazu imstande zu sein, sich nur dem Blick auf den Horizont hinzugeben, oder bewegungslos für einen längeren Zeitraum (länger als 5 Minuten) sich nur mit einem beruhigenden Nichtstun zu beschäftigen.
Erkenntnis 4
Der Begriff LESEN muss neu definiert werden.
LESEN muss mit LEBEN assoziiert werden: LESEN = LEBEN!
(Und zwar völlig abgesehen davon, dass die Fähigkeit zum Lesen & Schreiben zumindest in der westlichen Welt die Grundvoraussetzung für ein Überleben in der Gesellschaft bedeutet.)
Und da das, was LEBEN ausmacht WAHRNEHMUNG bedeutet, ist folglich auch LESEN WAHRNEHMUNG.
Wer nicht „wahrnimmt“ (an der Wahrheit = Wirklichkeit teilnehmen), nimmt auch nicht am Leben teil: Ich muss mich wahrnehmen, meinen Körper, meinen Geist, meine Seele.
Ich muss meine Umgebung wahrnehmen: meinen Partner, meine Kinder, meine Nachbarn und Mitarbeiter. Meine Mitstreiter und das Auto, das mir entgegenkommt.
Nur durch diese Wahrnehmungen kann ich am Leben anderer teilhaben, kann Einblick nehmen und verstehen.
Ich muss die Natur wahrnehmen. Ich muss die veränderten Situationen wahrnehmen. Nur wenn mir das gelingt, kann ich handeln. Und damit Teil des und meines Lebens werden.
LESEN ist LEBEN: Wir „lesen“ alles, was um uns herum geschieht: Körpersprache, Blicke, Worte, Zärtlichkeit, Aggression. Den Regen, das Haus, die Verbotstafel, das Werbeplakat, das Straßenschild, die Zeitung, das Buch – alles Zeichen, die wir wahrnehmen und mittels „lesen“ dechiffrieren und in Folge versuchen zu verstehen, d.h. in unser Leben, in unsere Realität einzuordnen.
Erkenntnis 5
Wie bereits in Erkenntnis 1 geschildert, ist es unsinnig und falsch, einem Kind oder einem Jugendlichen vorzuwerfen, „es/er/sie lese nicht“ oder zuwenig. Das Kind des Jahres 2011 ist gezwungen, um ein vielfaches mehr zu „lesen“, als ein Erwachsener vor nur 40 Jahren: Es muss Bilder lesen (vermummte Terroristen und Frauen mit gespreizten Beinen). Es muss streitende, unglückliche, disharmonische Menschen lesen (die Zahl alleinerziehender Elternteile ist dramatisch gestiegen. Was noch vor einer Generation als „normale“ Familie galt, ist heute fast die Ausnahme). Es „muss“ (im europaweiten Durchschnitt) 210 min täglich Fernsehen (jedes 10-jährige Kind in den USA hat 8000 Gewaltverbrechen am Bildschirm gesehen!!!) „lesen“.
KInder bzw. Jugendliche lesen (und schreiben) aber heute auch (im europäischen Schnitt) 20 - 40 SMS, 10 - 20 Emails und verbringen 90 min lesend auf einer social network Seite (studiVZ, SchülerVZ, facebook) – täglich!
Wie also können wir von unseren Kindern verlangen, dass sie mit Freude zu einem Haufen zusammengehefteter oder gefädelter Papierblätter greifen, um darin zu versinken (wie, nachdem wir ihnen die wichtigsten Werkzeuge dazu systematisch aberzogen haben!), um darin etwas zu suchen, wahrzunehmen, das es aus seiner Welt (die von uns geschaffen worden ist) hinausführt, direkt in eine Welt, die dadurch faszinieren soll, dass sie in gleichem Maße so anders und doch Teil von uns ist (das, was uns an Literatur fasziniert).
Erkenntnis 6
Kennzahlen besagen, dass
o Buchumsätze nach wie vor jährlich zwischen 7- 10% steigen
o das Lesen von Büchern von Jahr zu Jahr abnimmt
o Bücher zu 95% von Erwachsenen (über 18) gekauft werden
Was bedeuten diese Zahlen:
o Bücher werden von Erwachsenen gekauft, aber nur zu einem Teil auch wirklich gelesen...
o Bücher werden nicht von Kindern und Jugendlichen gekauft (natürlich gibt es Ausnahmen)
o Erwachsene kaufen ihren Kindern Bücher, weil sie meinen (zu Recht!!!), ihnen damit etwas Gutes zu tun.
o Dagegengehalten werden Ausnahmen wie Harry Potter oder die Knickerbockerbande, die diese Auflagen erzielen, weil sie mit der gleichen Werbe/Marketingmaschinerie den Markt überschwemmen wie ein Hollywood Film oder eine neue Coca Cola Sorte und weil ihre Sprache wie „Fernsehen zum Lesen“ aufgebaut ist. Es ist meine Überzeugung, dass kein Kind, das sich 20 Bände Knickerbockerbande reinzieht, später einmal (deswegen) zu einem Marquez, einem Bernhard oder einem Hemingway greifen wird...
Erkenntnis 7
Wir müssen wieder LUST vermitteln - Und nicht ein 561 Jahre altes Ding als cool verkaufen wollen...
Wir müssen Appetit machen – Aber nicht Hunger stillen wollen, wenn der andere Durst hat...
Wir müssen Neugierde wecken – Ohne vorzugeben, unter der Decke liege ganz Besonderes...
Wir müssen Aufklärungsunterricht für Kinder UND Erwachsene betreiben: Was ist das denn überhaupt, worüber wir hier reden? L E S E N???
Wir können und wollen und werden das Lesen nicht neu erfinden, aber wir können dem Umgang mit ihm eine neue Facette hinzufügen!
Erkenntnis 8
Die Frage, die es zu stellen und zu beantworten gilt, sollte nicht sein, was müssen wir tun, um unsere Kinder zum Lesen zu bringen.
Die Frage sollte lauten: Was ist geschehen, dass das Lesen von Büchern (und um das geht es uns ja) heute für unsere Kinder nicht mehr die Bedeutung hat, die es für uns hatte?
Sollte lauten: Wie können wir die Disharmonie zwischen dem, was Lesen für Kinder und Jugendliche und was es für Erwachsene bedeutet, also zwischen dem reinen Informationslesen (der SMS und Mails) und dem lustbetonten Lesen von Büchern (oder dem lehrhaften durch das Lesen von Schulbüchern) wieder in Gleichklang, in Balance bringen?
Und sollte lauten: WARUM und WOZU wollen wir das???
Stellen wir doch die provokante Frage, WARUM wollen wir, dass Kinder LESEN mit all dem assoziieren, was es für uns bedeutet?
Erkenntnis 9
Fragen wir doch Eltern, Politiker, Lehrer, Bibliothekare, die sich für die Leseförderung einsetzen, wann sie ihr letztes Buch, nur zu ihrem Vergnügen, gelesen haben bzw. wie viele Bücher sie im Jahr lesen?
Wagen wir doch ganz frech, das LESEN (das, was die Erwachsenen, die sich das Ding ausgedacht haben, darunter verstehen) in Frage zu stellen. Fragen wir doch: WOZU?
Wozu Bücher? Wozu Zeichen? Wozu sollen wir das alles, womit wir tagtäglich konfrontiert werden, lesen?
Erkenntnis 10
Diese Fragen erwecken Neugierde. Diese Fragen animieren die Fantasie, sich eine Welt OHNE Bücher, OHNE Zeichen, OHNE das Lesen vorzustellen.
Solche Bilder lassen den Horror, das Unmögliche, das Nichtvorstellbare sichtbar werden. Und genau auf diese Bilder, auf diese Vorstellung kann aufgebaut werden. Kann Lust, Neugierde und Appetit erzeugt werden.
Nehmen wir den Menschen eine Woche den Strom, das Wasser, damit das WC, die Dusche, das warme Essen und sie werden nach dieser einen Woche (zumindest für einige Zeit) diese selbstverständlichen Dinge wieder sehr zu schätzen wissen und ihnen mit mehr Achtung begegnen.
Erkenntnis 11
LESEN ist WAHRNEHMUNG.
LESEN ist das Sammeln und das Aufnehmen von Eindrücken – genauso wie das Lesen der Früchte vom Baum oder von der Rebe.
Wenn wir nun diese Basiserkenntnis als Grundlage einer neuen Überlegung zum Thema LESEN heranziehen, bedeutet dies, dass eine Assoziationskette in Gang gesetzt wird, die am Ende zu einem völlig neuen, unorthodoxen Zugang zum Begriff des LESENS führt:
Wahrnehmung ist nur möglich durch Aufmerksamkeit, Achtung und Respekt allem gegenüber.
Aufmerksamkeit, Achtung und Respekt erfordert Zeit, Ruhe und Muße, bedeutet Innehalten.
Zeit, Ruhe, Muße und Innehalten sind die Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Leseprozess.
Ausnahmslos jeder Mensch sehnt sich nach nichts so sehr wie geachtet und respektiert zu werden. Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Dies einem Gegenüber zum Ausdruck zu bringen, gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Menschseins. Und gehört in einer Welt des Rastlosen, des Egozentrierten, des Schnelllebigen zu mit dem Schwierigsten.
Es fehlt an Zeit, Ruhe und Muße. Innehalten ist zu einem veritablen Problem geworden.
Wann gelingt uns denn dieses Innehalten? Das Gefühl von Zeit, Ruhe und Muße zu verspüren?
Beim Beten.
Beim Lieben.
Am Strand bei einem Blick zum Horizont.
Auf dem Gipfel eines Berges.
Und... beim Lesen eines Buches.
Es gelingt, weil dieses Innehalten mit einer Emotion verknüpft ist.
In einer Umfrage wurde 14-jährigen eine Liste mit Dingen vorgelegt, wonach sie sich am meisten sehnen und die von 1 -10 nach ihrer Wichtigkeit bewertet werden sollten. Das überraschende Ergebnis: auf Platz 1 kam die Sehnsucht nach ZEIT (geschenkt bekommen).
Erkenntnis 12
Man kann also davon ausgehen, dass ein menschliches Grundbedürfnis nach LESEN vorhanden ist – und zwar wenn man es zunächst einmal auf die Umstände reduziert, unter denen der Akt des Lesens optimiert stattfindet: Innehalten, zur Ruhe kommen, sich Zeit nehmen. Alleine sein mit einem ungeheuerlichen, fantastischen Transportmittel, dass mit Hilfe der Fantasie in eine andere Welt zu führen imstande ist.
Es bedeutet aber auch Arbeit, Überwindung, Anstrengung. Ich muss mich in dieses Spiel einbringen, nur dann werde ich zu einem Teil davon.
Ganz anders als Fernsehen, wo es nur um eine Teilnahme, einem passiven Zusehen geht.
Ganz anders als ein Computerspiel, das Aktivität suggeriert, die jedoch keine eigene ist, sondern ich vom Spiel gelenkt und benützt werde.
Und auch anders als bei der Informationsübermittlung über SMS oder in bloggs, bei der Gefühle in kurzer, streng reduzierter Form transportiert werden, die jedoch, wie beim Buch, dem Brief, dem Erzählten und Gesagten, ebenfalls unverzüglich Emotionen auszulösen imstande sind.
Diese Kunst der emotionalen Kurzform bedeutet aber auch, dass das Kind, der Jugendliche diese große Palette von Emotionen, die tagtäglich auf ihn treffen (und das sind viel mehr als die durch SMS, bloogs, social networks ausgelösten), nur mehr sehr eingeschränkt in Worte zu kleiden und zu vermitteln imstande ist , weil ihm der Reichtum der Sprache, die wiederum durch literarisches Lesen geübt und verinnerlicht wird, fehlt.
Erkenntnis 13
„Du, Kind, Jugendlicher, liest. Du liest und schreibst sogar sehr viel.
Wir bewundern diese deine Fähigkeit.
Wir bewundern, mit welcher Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit es dir gelingt, den Text einer Internetseite zu erfassen.
Wir bewundern deine Kommunikationsfähigkeit über alle Grenzen hinweg.
Wir bewundern deine Geduld mit der du uns Erwachsene erträgst, die diese Schritte in ein neues Zeitalter nur mühsam und langsam, zu langsam zu setzen imstande sind.
Doch Geschwindigkeit, Intensität und die totale Vernetzung fordern.
Da ist dieses Ungleichgewicht, dass du nicht zu benennen vermagst, aber das du spürst.
Du sehnst dich nach der anderen Seite der Waage, die das Rasen dieser Zeit in Balance bringt: Zeit. Ruhe. Muße. Das ist der Zauberstab, der dich einen Schmetterling auf einer Wiese entdecken, der dich die Umarmung eines Menschen, der dich liebt und beschützt, der dich in einem Buch versinken lässt...
Ó Folke Tegetthoff (2011)


